Munduruku-Häuptling berichtigt Farce um REDD-Vertrag mit Celestial Green Ventures
Thursday, April 19th, 2012Ein Bericht von Rebecca Sommer
(Übersetzung von ASW)
Die Nachricht löste rund um die Welt eine Welle von Schlagzeilen aus: Angeblich hatte das im Bundesstaat Pará in Brasilien lebende indigene Volk der Munduruku einen REDD-Vertrag mit Celestial Green Ventures geschlossen. Aber es war kein gemeinschaftlicher Vertragsabschluss seitens der Munduruku, zu denen heute 13.000 Menschen zählen. Dies fand ich während meines zweieinhalb-monatigen Aufenthalts in Pará anlässlich von Nachforschungen zum Großprojekt Belo Monte heraus.
Ich sprach mit meinem Kollegen Marquinho Mota von der brasilianischen Nichtregierungsorganisation FAOR, der dort für Menschenrechte und Klimagerechtigkeit zuständig
ist. Er berichtete mir, dass die Munduruku sehr verstört seien über die Nachricht, dass ein Vertrag unterschrieben worden sei. Interessanterweise fand ich zum gleichen Zeitpunkt drei weitere von Indigenen aus der Region Altamira unterzeichnete REDD-Verträge vor, allesamt abgeschlossen mit dem Kriminellen Benedito Milenio Junior. Benedito unterschrieb nicht im Auftrag seines Unternehmens, sondern als Einzelperson ohne jegliche Berechtigung durch die Firma, die er gegenüber den indigenen Führern zu vertreten vorgab.Mehrheit der Munduruku gegen Vertrag
Alles habe damit begonnen, so berichtet ein indigener Führer aus einem der 120 Munduruku-Dörfer, dass Vertreter der Celestial Green Ventures mit einem REDD-Projekt auf sie zukamen. Das war bei einem Treffen im Gemeindehaus von Jacareacanga im August 2011. Häuptling Osmarino Mohoari Munduruku sagt weiter, dass Gemeinderäte und Vertreter der Indigenenbehörde FUNAI anwesend waren. Die meisten Munduruku waren gegen das Konzept des Projekts, und deshalb entschieden sie, den Vertrag abzulehnen. Osmarino Mohoari Munduruku erinnert sich, dass die Munduruku-Krieger die Vertreter des Unternehmens beinahe tätlich angegriffen hätten. Celestial Green Ventures informierte alle Anwesenden, dass zwei andere Völker ähnliche Abkommen unterzeichnet hätten.
Was als nächstes passierte ist die traurige Realität so vieler REDD-Projektverträge, die von Indigenen abgeschlossen wurden, die nicht die legitimierten Vertreter des Volkes sind, das sie vorgeben zu repräsentieren. Osmarino Mohoari Munduruku berichtet, dass nach dem REDD-Treffen 12 Personen, darunter Munduruku ohne jegliche Vertretungsberechtigung, nicht-indigene Berater und Vertreter des Gemeinderats, eine geschlossene und geheime Sitzung in einem Hotel abhielten, wo der Vertrag unterschrieben wurde. „Die Häuptlinge waren gegen den von dem Unternehmen vorgeschlagenen Kohlenstoffzertifikatshandels, aber einige indigene und nicht-indigene Vertreter des Gemeinderats haben unterzeichnet“, erklärt Osmarino Mohoari. „Wir wussten nichts davon. Wir erfuhren von dem unterschriebenen Vertrag durch das Internet.“„Der Vertrag war kompletter Wahnsinn, wir konnten es nicht glauben als wir ihn schließlich zu lesen bekamen“, sagt Marquinho Mota von FAOR. „Der Vertrag, der von ein paar Einzelpersonen und Regierungsvertretern ohne die vorherige Unterrichtung und freiwillige Zustimmung der Munduruku unterzeichnet wurde, erlaubt dem Unternehmen Celestial Green Ventures die vollkommen ungehinderte und unbegrenzte Nutzung des indigenen Landes für eine Dauer von 30 Jahren.“
In einem Interview mit dem Menschenrechtsinstitut Unisinos benennt Osmarino Mohoari Munduruku die Konsequenzen für seine Gemeinschaft: „Meiner Meinung nach ist dieses REDD-Projekt schlecht, weil es uns für die nächsten 30 Jahre verbietet zu jagen, zu sammeln, zu pflanzen oder zu fischen oder Holz zu schlagen, wenn wir es brauchen.“ Das Unternehmen Celestial Green Ventures bot den Munduruku 120 Mio. Dollar für das REDD-Projekt. Unklar ist, ob Zahlungen erfolgten und wenn ja, an wen sie gemacht wurden. Laut Osmarino wird vermutet, dass die indigene Organisation Pusuru (Associação Indígena Pusuru) die Zahlungen erhalten soll. Ob das allerdings schon geschehen ist, darüber wurden die Munduruku-Häuptlinge nicht informiert.
Geschäfte zwischen alten Freunden
Auf der Webseite von REDD-Monitor, die die Autorin dieses Artikels wärmstens empfiehlt, schreibt der Journalist Chris Lang, dass Celestial Green Ventures im Juni 2011 eine Million unzertifizierte und freiwillige CO2-Verschmutzungsrechte (Carbon credits) an die in London ansässige Firma Industry RE verkauft hat. Doch die Verbindung zwischen diesen beiden Unternehmen besteht laut Informationen der Webseite von Industry RE bereits seit 2009: „ 2009 haben sich Industry RE und Celestial Green für ihr erstes REDD-Projekt zusammengeschlossen. Dazu gehörte der Kauf von Anteilen (97%) der brasilianischen Firma Capital First Management Bank Ltda., der 10.000 Hektar tropischen Regenwalds im brasilianischen Bundesstaat Rondônia gehören. CFMB gehörte auch eine Bergbaulizenz für die Goldsuche auf 4.300 Hektar dieses Landes. Durch den Kauf dieses Waldgebiets hat Celestial Green die Goldschürflizenz verfallen lassen und wird das Gebiet durch den Verkauf von CO2-Verschmutzungsrechten im Rahmen der REDD-Bestimmungen schützen.“
Die Munduruku haben unterdessen beschlossen, den REDD-Vertrag, der auf so fragwürdige Weise zustandekam, zu annulieren. „Sollte bereits Geld geflossen sein, dann wollen wir, dass es an das Unternehmen zurückgeht“, sagte Osmarino Mohoari Munduruku. Angesichts der in vielen Ländern vorkommenden korrupten und illegalen Machenschaften im Zusammenhang mit Vertragsunterzeichnungen seitens Indigener haben die Munduruku sogar noch Glück. Brasiliens Behörde für die Belange Indigener Völker, FUNAI, verkündete kürzlich, dass mehr als 30 solcher zwischen Indigenen und Unternehmen geschlossenen Verträge illegal und nichtig seien.
Ein Komitee der Munduruku hat beschlossen, der brasilianischen Regierung einen Bericht zu übergeben, der die Umstände dieser jüngsten Manipulation und Ausbeutung eines indigenen Volkes erläutert.
Auszüge des REDD-Vertrages, dessen Annullierung die Munduruku anstreben, sind auf Englisch von Earth Peoples veröffentlicht worden. (Munduruku REDD Vertrag in Englisch HIER)
Sie besagen, dass das Unternehmen Celestial Green Ventures für eine Dauer von 30 Jahren zur Durchführung von Analysen und technischer Studien aller Art berechtigt ist sowie den uneingeschränkten Zugang zu dem Gebiet erhält, um CO2-Zertifikate zu ermitteln. Dem Unternehmen werden ferner sämtliche Rechte an den CO2-Zertifikaten, einschließlich der Rechte an den Gewinnen aus der vorhandenen Biodiversität des Gebiets während der Vertragslaufzeit gewährt.
Osmarino Mohoari Munduruku wies darauf hin, dass der Vertrag auch besagt, dass der Besitzer zustimmt keinerlei Aktivitäten zu unternehmen, die den Wert der CO²-Zertifikate verringern könnte. Und dass ohne die Erlaubnis des Unternehmens, beispielsweise keine Gebäude errichtet, Bäume gefällt, Acker bebaut, Dämme angelegt oder Bodenschätze gehoben werden dürfen.
*******
Was ist REDD?
Der auf der Klimakonferenz in Montreal 2006 beschlossene REDD-Mechanismus (Reduktion von Emissionen aus Entwaldung und Schädigung von Wäldern) sollte einen Weg eröffnen, die weltweite Zerstörung des Waldbestandes, insbesondere der Primärwälder, zu stoppen. Doch viele zivilgesellschaftliche Organisationen stellen das neue Waldschutzinstrument in Frage. Sie befürchten erstens eine Verletzung der Menschenrechte indigener Gemeinschaften und halten eine monetäre Inwertsetzung von Natur für riskant.
Der Mechanismus weist dem im Holz gespeicherten Kohlenstoff einen ökonomischen Wert zu, wodurch ein globales Interesse am Waldschutz geschaffen werden soll. Das REDD-System fungiert als Bindeglied zwischen dem Europäischen Emissionshandel und dem Kyoto-Protokoll: Unternehmen können Reduktionszertifikate von Firmen, z.B. von Celestial Green Ventures erwerben, um ihre Auflagen im EU-Emissionssystem zu erfüllen. Firmen wie Celestial Green Ventures arbeiten als Zwischenhändler: Sie schließen einerseits Waldschutz-Verträge mit der lokalen Bevölkerung und verkaufen andererseits Reduktionszertifikate („Carbon credits“ ) an die Kohlenstoff emittierende Industrie.
**********





